Laudatio zur Ausstellung „Timeline / Zwischen-Zeiten“ von Saskia Hubert
Vernissage am 27. August 2026
Laudatio: Diana Achtzig
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde,
liebe Saskia Hubert,
ich freue mich sehr, Sie heute zur Eröffnung der Ausstellung „Timeline / Zwischen-Zeiten“ begrüßen zu dürfen.
Es gibt Fotografien, die zeigen einen Moment. Und es gibt Fotografien, die den Begriff des Moments selbst hinterfragen. Die Arbeiten von Saskia Hubert gehören zu dieser zweiten Kategorie.
Ihre Bilder erzählen keine linearen Geschichten. Sie dokumentieren nicht einfach das Sichtbare. Vielmehr eröffnen sie einen Raum, in dem Zeit ihre gewohnte Ordnung verliert. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treten miteinander in Beziehung – nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Die Zeit scheint in diesen Fotografien aufgehoben.
Dabei geht es nicht um nostalgische Erinnerung oder um Zukunftsvisionen. Saskia Hubert erschafft Bildwelten, in denen unterschiedliche Zeitebenen gleichzeitig erfahrbar werden. Das Dazwischen wird zum eigentlichen Ort des Geschehens.
Ihre analogen Überlagerungen, entstanden aus 6×6-Dias und fotografischen Mehrfachschichtungen, verleihen den Arbeiten eine besondere Tiefe. Doch diese Tiefe entsteht nicht allein durch die Technik. Sie entsteht durch eine Haltung des Sehens.
Die Fotografien wirken zunächst spielerisch. Licht, Transparenz und Überblendungen laden den Blick zum Entdecken ein. Doch je länger man sich auf sie einlässt, desto unmittelbarer entfalten sie ihre Kraft. Sie sprechen den Betrachter direkt an. Sie fordern Aufmerksamkeit, ohne laut zu werden.
Bemerkenswert ist dabei, dass diese Bilder keine Gegensätze aufbauen. Es gibt kein Oben und Unten, kein Innen und Außen, kein eindeutiges Vorher oder Nachher. Die vertrauten Orientierungssysteme lösen sich auf. Gerade dadurch entsteht eine neue Form von Gegenwärtigkeit.
Und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – bleiben die Arbeiten geheimnisvoll.
Sie geben ihre Bedeutung nicht preis. Sie lassen Raum für eigene Erinnerungen, Assoziationen und Erfahrungen. Was wir sehen, verändert sich mit unserer eigenen Wahrnehmung. Die Fotografien sind offen, ohne beliebig zu sein.
Motive aus Landschaften, menschlichen Spuren, Architektur oder Migration erscheinen nicht als Dokumente einer Realität, sondern als poetische Verdichtungen. Erinnerung, Traum und Wirklichkeit durchdringen sich. Das Sichtbare wird zum Resonanzraum für das Unsichtbare.
Saskia Hubert arbeitet bewusst analog. In einer Zeit digitaler Perfektion setzt sie auf fotografische Verfahren, die dem Zufall, der Materialität und dem Licht selbst Raum geben. Jede Überlagerung ist ein realer fotografischer Vorgang. Dadurch besitzen ihre Bilder eine Authentizität, die man nicht simulieren kann.
Ihre künstlerische Entwicklung führte sie vom Lette Verein Berlin an die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Prägend waren ebenso Aufenthalte in Buenos Aires, Marseille und auf Gotland, deren Landschaften und Lichtstimmungen bis heute in ihrer Bildsprache nachwirken.
Als unabhängige Fotografin lebt und arbeitet Saskia Hubert in Berlin. Ihre Arbeiten wurden bereits in zahlreichen Ausstellungen gezeigt und befinden sich heute in privaten Sammlungen. Künstlerische Impulse reichen von Nan Goldin und Diane Arbus über Henri Cartier-Bresson bis zu Paolo Roversi sowie den philosophischen Überlegungen Paul Virilios zur „Ästhetik des Verschwindens“.
Doch jede gute Kunst emanzipiert sich von ihren Vorbildern.
Saskia Hubert hat eine unverwechselbare eigene Bildsprache entwickelt. Eine Sprache, die nicht erklärt, sondern erfahrbar macht. Eine Sprache, die den Blick entschleunigt und den Betrachter einlädt, länger zu verweilen.
Der Titel „Timeline / Zwischen-Zeiten“ beschreibt deshalb weit mehr als ein Ausstellungsthema. Er beschreibt einen Zustand. Einen Ort zwischen Erinnerung und Erwartung, zwischen Wahrnehmung und Vorstellung, zwischen dem, was wir zu erkennen glauben, und dem, was sich jeder eindeutigen Erklärung entzieht.
Ich wünsche Ihnen, liebe Gäste, dass Sie sich Zeit nehmen für diese Arbeiten. Dass Sie sich auf ihre Offenheit einlassen und entdecken, wie unterschiedlich jedes Bild zu jedem einzelnen von uns sprechen kann.
Liebe Saskia Hubert,
ich danke Ihnen für diese außergewöhnliche Ausstellung und wünsche Ihnen viele inspirierende Begegnungen und anregende Gespräche.
Ich erkläre die Ausstellung „Timeline / Zwischen-Zeiten“ hiermit für eröffnet.
Vielen Dank.
Ausstellungsdauer: 28. August bis 24. September und 6. Oktober bis 8. November
Musikalische Begleitung: Birgit Wagner, A-Cappella-Sängerin
Künstlergespräch: 5. November 2026, 19:30 Uhr
Ort:
Kulturhaus Centre Bagatelle
Zeltinger Str. 6
13465 Berlin
